Wolfgang Wimmer

Berlin: Ein Interview mit Wolfgang Wimmer im CN magazin von Tina Thiele


„Man muss das Rad nicht neu erfinden – man muss es ölen!“

 

Schwerpunkte: Coaching und Consulting, Produktionscoaching (SOS-Fälle), Coaching Film-Arbeit

 

STECKBRIEF

Es gibt so gut wie keinen Bereich im Filmgewerk, in dem Wolfgang Wimmer nicht schon tätig war: Er ist Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor, Produzent, Kameramann, Casting-Berater und Coach. Er hat seit 1968 in allen möglichen Bereichen hinter, neben, über und unter der Kamera gearbeitet. In Deutschland unter anderem mit Größen wie Rainer Werner Fassbinder und Oskar Roehler. Als Schauspieler und Casting-Berater arbeitete er in Deutschland, Frankreich und den USA in und für Film und TV. Er sagt über sich selbst: „Film ist meine Passion“, ein weiterer Leitsatz ist: „Film ist Kommunikation“. Und diese Passion gibt er seit 2000 erfolgreich an andere weiter. Als Coach und Berater vermittelt er in Einzelcoachings und Workshops Fachwissen und Praxisbezug rund um den Filmberuf, von der Casting-Vorbereitung über die Drehbuch-Analyse, die Recherche, bis hin zum letztendlichen Flirt mit der Kamera. Seine Seminare in Berlin und London richten sich an Schauspieler, Produktion, Regie oder Script. Er lebt und arbeitet aktuell in Berlin.


INTERVIEW

 

Du bist Schauspieler, Regisseur, Produzent, Kameramann, Casting-Berater, Drehbuchautor und last but not least Coach. Um bei letzterem zu bleiben: Wie kam es dazu, dass Du Coach geworden bist?

Das war ein sehr langer und mühsamer Weg…! Zurückschauend betrachtet, hat er mich aber zu dem werden lassen, der ich heute bin. Eigentlich wollte ich immer nur Schauspieler werden, aber das hat erst mal nicht geklappt. Und so arbeitete ich erst mal hinter der Kamera. Hierfür ging ich in die USA, kam zurück, und wurde dann doch Schauspieler. Und fand dadurch zu meiner momentanen Tätigkeit: Coach.

 

Wie bist du überhaupt zum Film gekommen? Du hast ja unter anderem auch für Fassbinder gearbeitet.

Zuerst einmal muss ich sagen, dass ich regelrecht auf der Bühne aufgewachsen bin, denn ich war seit meinem 6. Lebensjahr im Kinderchor der Münchner Staatsoper. Selbstverständlich habe ich irgendwann mit dem Gedanken gespielt, mich an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule anzumelden - eine herbe Enttäuschung! Ich kam zwar in die engere Auswahl, aber dann hieß es sofort, ich müsse an meiner Stimme arbeiten, wegen meines Sprachfehlers. Ich habe gestottert. Da war für mich dann schnell klar: „Ihr könnt´ mich mal, ich mach jetzt was anderes“. Und so bin ich da einfach nicht mehr hingegangen.

Aber weil Film von Anfang an meine absolute Passion war, musste ich mir etwas überlegen und landete schließlich durch ein Praktikum beim ZDF-Kamerateam bei Fassbinder…

Das hört sich heute alles so toll an, aber damals war das eigentlich ganz anders:

In der Fassbinder-Crew zu arbeiten hieß damals, man hatte kein Geld. Fassbinder brauchte immer irgendwie Material, und ich konnte das nicht nur besorgen, sondern auch ein bisschen damit umgehen. Eine Filmcrew samt Material wird zwar immer für eine Woche gemietet, aber am Wochenende wird nicht gedreht. Es gibt also Filmcrews, die am Wochenende mit ihrem Equipment unter der Hand ganze Low-Budget-Produktionen auf die Beine stellen! Die meisten Leute wissen das gar nicht! Und so wurde ich vom Kabelschlepper zum Kamera-Aktiven. Heute hört sich das so an, als ob der Fassbinder mich gesucht hätte!

 

Wie war die Zeit mit Fassbinder?

Wir hatten alle keine Ahnung vom Filmemachen, aber wir wollten alle experimentieren.

Ich bin aber ziemlich schnell raus aus dieser Szene, weil ich eigentlich mit 21 meinen ersten Film fertig haben wollte. Das war einfach die Hippiezeit damals, man dachte sich „30 will ich eh´ nicht werden“, und von daher musste alles ganz schnell gehen. Ich habe meine Zelte dort also komplett abgebrochen und bin in die Staaten gegangen, um dort als Kameramann zu arbeiten.

In den Staaten habe ich dann alles gemacht: Kamera, Regieassistenz, Schauspielerbetreuung. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit. Zurück in Deutschland habe ich dann angefangen, Drehbücher zu schreiben, Regiearbeit und Kamerajobs zu machen, und Workshops für Schauspieler zu geben. Aber ich bin nie lang irgendwo geblieben, ich war immer Dienstleister. Und hatte dann mit 35 oder 38 immer noch keinen eigenen Film gemacht.

 

Wie bist du dann letztendlich doch noch zum Schauspiel gekommen?

Das war ein echtes Schlüsselerlebnis: Ich gab damals einen Workshop in München – Schauspiel für die Kamera. Da kam eine Dame auf mich zu, die hatte ich schon in Paris kurz kennengelernt:

Uta Hagen. Ihr gefiel meine Herangehensweise an das Thema Film, mein „approach“, wie sie es nannte. Sie meinte aber auch: „Du solltest aber selber mal spielen, um zu wissen, wie das für einen Schauspieler ist“. Und so kamen wir auf das Thema, ich erzählte ihr von meinem lebenslangen Traum, Schauspieler zu werden und wie dieser Traum schließlich an meinem Stottern zerbrach. Sie blickte mich lange an und meinte dann: „You would be a great Hamlet“. Ich dachte, die Dame verarscht mich! Ich komme aus der deutschen und italienischen Theatertradition, wo DAS WORT alles ist. Ein stotternder Hamlet - wer will das denn sehen?!

Aber sie sagte nur: „So wie ich dich besetzen würde, wärst Du perfekt. Mein Hamlet würde stottern, und er hätte schon sehr früh die ganze Welt in Bewegung gesetzt, nur damit das keiner merkt!“ Da dachte ich nur: „Ja. DEN Hamlet würde ich auch gerne sehen. Und auch gerne spielen. Denn DEN TYPEN kenne ich.“

Uta Hagen hatte in einem kurzen Satz die krasse Kluft zwischen der amerikanischen und der deutschen Schauspieltheorie ausgedrückt. Hier hieß es immer: „Das Stottern muss weg.“

In den Staaten heißt es: „Da kann man was draus machen“.

Sie lud mich dann auf ihre Schule in New York ein – als Regisseur oder Besucher, so dachte ich. Als ich dort ankam musste ich jedoch vorsprechen. Und das tat ich. Und ich wurde genommen. So wurde ich schließlich doch noch zum Schauspieler. Mit 39 Jahren!

 

Wie erfolgte dann der Schritt vom Schauspieler zum Coach?

Von meinen alten Freunden, die mich als Regisseur, Produzent oder Drehbuchautor kannten, wollte mich nach meiner Rückkehr aus den USA keiner als Schauspieler besetzen. Das blieb immer unausgesprochen, aber es war so. Wahrscheinlich hatten sie Angst, dass ich ihnen als alter Hase dazwischenquatschen könnte. Ich habe also 9 Jahre lang gespielt und wurde relativ schnell von meinen Kollegen immer wieder auf eine bestimmte Sache angesprochen: Meine Rollenarbeit. Ich wusste immer viel mehr über meine Rolle als alle anderen. Ich konnte die Rolle fühlen, improvisieren, ich WAR die Rolle. Ich wusste ALLES über die Figur, und das fiel natürlich auf. Und ich fing dann ziemlich früh, so Ende der 90er, damit an, mit meinen Kollegen Rollen-Breakdowns zu machen. Ich habe dabei immer versucht, einen „emotional Impact“, eine Verbindung zu erzeugen. Das lief dann zum Beispiel so ab:

 

- Okay, gehen wir mal an die Rolle ran. Hattest Du einen Bruder, als Du klein warst?

- Häh? Du hast doch das Drehbuch gelesen! Da steht nichts von einem Bruder.

- Darum geht es jetzt nicht. Hattest Du einen Bruder? Stell dir einfach vor, deine Rolle wäre dein Bruder. Den kennst Du, in- und auswendig. Stell ihn dir einfach nur vor…

 

War diese Arbeit Neuland für dich hierzulande?

Mit dieser Arbeit habe ich tatsächlich Neuland betreten, und ich merkte sehr schnell, das interessiert mich, da will ich tiefer gehen. Und deshalb bin ich dorthin gegangen, wo die besten Coaches sitzen: wieder zurück in die Staaten.

Dort habe ich dann viel gelernt. Ich habe den amerikanischen Coaches über die Schulter geschaut und gesehen, wie sie arbeiten, was sie können, und vor allem: was sie nicht können.

Ich habe hier schon Schauspieler getroffen, die sich in den Staaten haben coachen lassen, die sind zurück nach Deutschland, und das war es dann. Die gelernten Techniken waren hier schnell wieder vergessen oder kamen nie zur Anwendung. Und da habe ich dann gemerkt: Man muss das Rad nicht neu erfinden – aber man muss es ölen! Da weitermachen, wo die anderen nach 6 Monaten aufgehört haben. Und das habe ich dann hier versucht.

Wie wichtig ist es für deine Arbeit als Coach, dass Du selbst Schauspieler bist?

Eine Aspekt an dieser ganzen Schauspielerfrage war für mich immer besonders wichtig - vielleicht weil ich schon so alt war, als ich anfing: Theoretisch wusste ich alles.

Über verschiedene Techniken, Theorien und die Unterschiede zwischen authentischem und plakativem Schauspiel hätte ich schon früh ganze Bücher verfassen können. Das als Schauspieler in die Praxis umzusetzen war jedoch sehr schwer. Das hat mich nicht klein, aber demütig gemacht. In dem Moment, wenn ich gespielt habe, wollte ich geliebt und anerkannt werden. Und so habe ich erkannt, was ein Schauspieler braucht. Etwas, das kein anderes Filmgewerk braucht: Ein Schauspieler braucht Vertrauen. Deswegen war das Schauspielersein für mich so wichtig. Wenn ein Schauspieler zu mir kommt, und von mir gecoacht wird, dann bekommt er zuerst einmal zwei Dinge von mir: Respekt und Vertrauen.

 

Welche Methoden wendest Du an?

Ganz viel von dem was ich mache, ist weniger schauspielerische als mehr psychologische Arbeit.

Ich bin der Coach für die SOS-Fälle. Eine Sache, die ich immer versuche ist, dem Schauspieler die Liebe zum Film nahe zu bringen. Filmarbeit ist wie eine Liebesbeziehung, eine Art Ehe. Es müssen beide Seiten mit viel Liebe und Verständnis daran arbeiten, damit etwas Neues und Schönes entsteht – vom ersten Flirt, über ein Rendezvous bis hin zur langen innigen Beziehung. In meinen Kamera-Seminaren versuche ich, bestimmte Muster zu durchbrechen und neue Anstöße zu geben. Ich benutze dafür die Techniken, die der Schauspieler schon mitbringt und erfinde nicht einfach eine neue. Wenn ein Schauspieler in meinem Seminar eine Szene vorspielt, und es gelingt ihm nicht, überzeugend zu sein, dann gehe ich das Ganze auf der menschlichen Ebene an. Ein Beispiel: Eine Schauspielerin fingiert ein Telefongespräch mit ihrem Liebsten, aber irgendwie kommt nichts rüber. Ich frage sie, wie sie selbst ihre Darbietung einschätzt. Ganz oft höre ich dann:

 

- Ich weiß nicht. Irgendwie hat es sich nicht gut angefühlt.

- Mit wem hast Du denn telefoniert?

- Mit meinem Freund. Mein Freund Ralf.

- Wie heißt der mit Nachnamen?

- Ich weiß es nicht, im Script steht nur Ralf.

- Dann gib´ ihm einen Nachnamen. Wie sieht Ralf denn aus? Gib´ ihm eine Haarfarbe. Welcher Typ Mann gefällt Dir denn? Gib´ ihm ein Gesicht, dass dir gefällt! Er muss dein Herz brechen können!

 

Und nach und nach entsteht ein Bild. Und auf einmal ist ihre Darbietung überzeugend, sie ist authentisch – weil sie sich in der Szene selbst glaubt. Und so arbeiten wir miteinander.

 

Warum, glaubst Du, wird hierzulande eher im Kinder- und Soapbereich gecoacht und nicht in anderen Bereichen?

Das ist nun wirklich eine Frage des Begriffes „Coach“. Die Vorstellung, die wir hier vom Begriff Coach haben ist eine vollkommene Fehlinterpretation. Jede amerikanische Serie arbeitet automatisch mit einem ganzen Pack von Coaches. Das ist kein Thema, und wird auch nicht groß besprochen. Coaches sind Trainer. Glaubst du, bei einer Fußballmannschaft macht sich irgendjemand Gedanken darüber, dass es da zehn Coaches gibt? Oder Muhammed Ali – der hätte ohne seine 30 Betreuer in Kinshasa wahrscheinlich auch dumm dagestanden! Dennoch erwartet niemand von einem seiner Betreuer, dass er in den Ring geht und den Kampf austrägt. Das ist selbstverständlich, und genau so selbstverständlich ist das auch in einem amerikanischen Filmteam. Man sagt nicht „Warum braucht DER denn einen Coach?!“

Als ich in den Staaten als Regieassistent arbeitete, wurde ich „People´ s Director“ genannt, nicht „Director´ s Assistant.“ Meine Arbeit war es, den Schauspieler für die Kamera warm zu machen und ihm die Vorstellungen des Regisseurs nahe zu bringen. Streng genommen war ich schon ein Coach, ehe ich überhaupt wusste, dass das ein Begriff ist!

Ein Regie-Assistent wie er in Deutschland arbeitet, das wäre in den Staaten eher so der „Unity Manager.“ Und was wir hier als „Onset-Coach“ verstehen, gibt es in den Staaten nicht. Eine Susan Batson zum Beispiel hat am Set nichts zu suchen. Seit Frau Strasberg und Marilyn Monroe am Set ist DAS gegessen. Es gibt keine „Onset-Coaches“, wohl aber Trainer, die ganz spezifische Aufgaben erfüllen.

Also wenn wir jetzt beim Begriff „Trainer“ bleiben, dann ist der Coach ein Trainer, ein „Physical Trainer“. Der Begriff „Schauspielcoach“ kommt eigentlich aus der schon erwähnten Rollenvorarbeit, und die ist mit dem ersten Dreh abgeschlossen. Und wir fangen jetzt erst an, uns in Deutschland damit zu etablieren. Jetzt erst!

 

Du hast ja auch schon mit Simone Bär gearbeitet. Wie kam es dazu?

Als ich aus den Staaten zurückkam, frisch von der Schauspielschule bei Uta Hagen, brauchte ich unbedingt einen Job. In Berlin gab es damals drei Casting-Studios: Da war einmal Renate Landkammer, dann das Studio von Uschi Drews, und Simone Bär, die gerade neu aufgemacht hatte. Renate Landkammer kannte mich noch aus meiner „anderen Welt“ und fragte mich, ob ich ihr nicht als Casting-Director bei Werbe-Castings aushelfen wolle. Ich habe mir 30 Schauspieler angesehen und ein paar wirklich gute Entscheidungen getroffen, einfach, weil ich mittlerweile genug gesehen und gemacht hatte, um „das Produkt“ auch wirklich zu kennen: Ich habe gesehen, was die Leute können, und habe im Grunde auch genau das herausgearbeitet.

Simone Bär hatte mich damals als Schauspieler für ein kleines Casting eingeladen, wir kamen ins Gespräch und da ich die Erfahrung schon hatte, begannen wir, ein paar Jobs miteinander zu machen.

Ich begriff damals: Casting ist die erste Schlüsselstelle. Das ist die Kombination wo entschieden wird. Casting ist wirklich wichtig!

Der erste große Job, der bei ihr kam, war „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“. Und ich glaube, dass ich sie da inspirieren konnte – das war einfach ein guter Austausch zwischen uns beiden.

 

Welche Grundsätze sind für Dich als Coach besonders wichtig?

Ein exzellentes Coaching besteht meiner Meinung nach darin, dass der, den du betreut hast, dich danach nicht mehr braucht, sondern völlig selbstständig arbeiten kann. Das kann schwierig für einen Coach sein, weil auch unser Ego natürlich sehr lebendig ist. Als Coach ist man auf der Dienstleisterseite, wo man auch mal vergessen wird, wenn der Job vorbei ist. Aber das ist zugleich auch das Ziel unserer Arbeit: sie erfolgreich abzuschließen.

 

 

Vielen lieben Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Tina Thiele.

 

 

 

KONTAKT

 

Die Website von Wolfgang Wimmer:

www.wolfgang-wimmer.net

 

Die Website von Karin Jungjohann mit !AIM!, Agentin von Wolfgang Wimmer

http://www.aim-agenturfuerfilmschaffende.de

 

Der Blog von Wolfgang Wimmer: Schauspiel als Film-Beruf, mit Einträgen, Anregungen und Kommentaren zum Thema Schauspiel und Filmschaffen.

www.film-schauspiel.blogspot.com

 

 

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